Der BU-Profi

Immer wieder lese und höre ich ganz wilde Geschichten über den Zahlbeitrag und den Tarifbeitrag in der Berufsunfähigkeitsversicherung. Zum Beispiel wird oft behauptet, dass eine hohe Differenz zwischen dem Zahlbeitrag und dem Tarifbeitrag ein hohes Risiko für Beitragserhöhungen darstellt.

Finanztip rät sogar dazu “…im Zweifel einen etwas höheren Nettobeitrag (zu akzeptieren), wenn dafür der Bruttobeitrag deutlich niedriger ist.”Der BU-Profi - Zahlbeitrag und Tarifbeitrag in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Mit der Canada Life wirbt sogar eine Versicherung aktiv damit, dass bei ihrer BU der Zahlbeitrag und der Nettobeitrag identisch sind und Sie als Kunde somit vor Erhöhungen des Beitrags geschützt sind.

In meinem Beitrag “Welche ist die beste Berufsunfähigkeitsversicherung?” Bin ich am Rande schon einmal auf dieses Thema und die Unterschiede zwischen dem Zahlbeitrag und dem Tarifbeitrag eingegangen.

In meinem heutigen Artikel gehe ich für Sie noch etwas weiter ins Detail und verspreche Ihnen, dass Sie danach keine Frage mehr offen haben sollten.

Sollen wir Ihnen das Thema näher erklären?

Falls Sie spezielle Fragen haben, die in diesem Text nicht beantwortet werden können, zögern Sie nicht uns zu kontaktieren!

 

Was sind Zahlbeitrag und Tarifbeitrag eigentlich?

Der Zahlbeitrag ist die Summe, die monatlich, vierteljährlich, halbjährlich oder jährlich von Ihrem Konto abgebucht wird – also das Geld, das Sie für Ihre BU-Police bezahlen. Der Tarifbeitrag hingegen ist der von der Versicherung kalkulierte und somit (erst einmal) garantierte maximale Beitrag für Ihren Versicherungsschutz.

Die Differenz zwischen den beiden Beträgen ergibt sich aus den Überschüssen der Berufsunfähigkeitsversicherung. Bei diesen Überschüssen sind in erster Linie die Gewinne gemeint, die dadurch entstehen, dass nicht jeder, der versichert ist, auch berufsunfähig wird.

Gewinne durch Kosten und Zinsen spielen in der Berufs- und Grundfähigkeitsversicherung nur eine stark untergeordnete Rolle.

Außerdem muss eine Versicherung immer etwas vorsichtiger kalkulieren, um für plötzlich auftretende Extremsituationen wie die Corona Pandemie oder eine mögliche Rezession und dadurch ausgelöste steigenden Leistungen genügend “Puffer” zu haben, damit die Zahlung der Berufsunfähigkeitsrenten nicht in Gefahr ist.

 

Manchmal wird übrigens anstelle von Zahlbeitrag und Tarifbeitrag auch von Nettobeitrag und Bruttobeitrag gesprochen.

 

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich der Beitrag Ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung erhöht?

Die Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung des Zahlbetrags lässt sich von niemandem seriös vorhersagen. Aus meiner Sicht auch nicht von Rating-Unternehmen wie Franke und Bornberg, die dennoch gerne eine “Quote zur Beitragsstabilität” herausbringen.

Allerdings gibt es ein paar Indizien, die auf eine baldige Beitragserhöhung der Berufsunfähigkeitsversicherung hinweisen können. Die Betonung liegt auf “können”.

 

Kompetenz in der Berufsunfähigkeitsversicherung

Eine Voraussetzung für eine gute und auskömmliche Kalkulation ist die Expertise im Bereich der BU-Versicherung. Wie lange hat die Versicherungsgesellschaft schon Erfahrungen in dieser Sparte machen können?

 

Wie viele Leistungsfälle gibt es bereits und wie viele Extremsituationen wie die Bankenkrise oder die Corona Pandemie hat der Versicherer bereits mit einem Kundenbestand durchgemacht?

Diese Erfahrungen können für die Beitragskalkulation der Berufsunfähigkeitsversicherung sehr wertvoll sein.

 

Qualität der Risikoprüfung

Auch die Risikoprüfung spielt bei der Berufsunfähigkeitsversicherung eine wichtige Rolle, wenn es um die Beitragsstabilität geht. So ist es für den BU-Bestand wenig hilfreich, wenn zu viele Neukunden mit Vorerkrankungen “durchgewunken” werden und ohne Ausschlussklausel oder Risikozuschlag versichert werden.

 

Allerdings ist es auf der anderen Seite auch nicht gut, wenn die Risikoprüfung jede Anfrage ablehnt oder mit Ausschlüssen versieht. Dies führt nach meiner Erfahrung leider oft dazu, dass in den Anträgen Falschangaben gemacht werden, da Versicherungsschutz sonst nicht möglich ist.

Das dies natürlich keine Rechtfertigung dafür sein darf, den Versicherer in den Antragsfragen zu belügen und dass dies auch aus Sicht der Kunden keine gute Idee ist, sollte klar sein.  Es ändert allerdings nichts daran, dass es gemacht wird.

 

Zu billige BU-Beiträge

Klar, jeder freut sich darüber, wenn er oder sie möglichst wenig für die Berufsunfähigkeitsversicherung zahlen muss. Das tue ich auch!

Darum lohnt es sich, auf den Preis zu gucken, wenn die Versicherungsbedingungen zu Ihnen passen und wenn die Versicherung nach der Risikovoranfrage eine gute Annahme anbietet.

 

Wenn eine Versicherungsgesellschaft allerdings in allen Berufen einer Berufskategorie vom Beitrag unter allen anderen liegt, ist Vorsicht geboten. Mit Berufskategorie sind Berufe gemeint, die in einem ähnlichen Risikogefüge sind. Zum Beispiel  

Ein Versicherer, der in allen oben genannten Berufen den im vergleich günstigsten Zahlbeitrag hat, könnte hier eventuell zu knapp kalkuliert haben.

 

Wie viele klassische Rentenversicherungen hat der Versicherer im Bestand?

Es lohnt sich ebenfalls zu prüfen, ob die Versicherungsgesellschaft viel Rentenversicherungen in seinem Bestand hat, die einen hohen Garantiezins haben.

Trotz fallender Zinsen haben einige Versicherungen noch sehr lange mit hohen Garantien geworben und dann Schwierigkeiten bekommen, diese am Kapitalmarkt erwirtschaften zu können. Damit diese Verträge auch weiterhin die versprochenen Zinsen an die Kunden zahlen können, hat der Gesetzgeber vor einigen Jahren eine “Quersubventionierung” zwischen der Risikoversicherung und der Rentenversicherung erlaubt.

 

Seitdem können Versicherungen die Risikogewinne aus der Berufsunfähigkeitsversicherung, der Grundfähigkeitsversicherung und aus der Risikolebensversicherung auch dafür verwenden, um die Zinsen der Rentenversicherung zu finanzieren. Damit fehlen diese logischerweise nachhaltig, um die Differenz zwischen Tarifbeitrag und Zahlbeitrag halten zu können.

 

Werden “fremde” Überschüsse verwendet?

Zugegeben ist dieser Punkt oft sehr schwer zu prüfen, denn viele Versicherungen geben nicht gerne zu, wenn sie Überschüsse zur Beitragsreduktion der BU-versicherung verwenden, die mit der eigentlichen Risikokalkulation gar nichts zu tun haben.

 

Die WWK hatte zum Beispiel Akademiker mit überwiegend kaufmännischen Tätigkeiten als primäre Zielgruppe ausgerufen. Um im Wettbewerb und den günstigsten Beitrag ganz vorne sein zu können, wurden die Akademiker mit 50% Bürotätigkeiten (später mussten es mindestens 75% Büroanteil sein) aus Unternehmensgewinnen zusätzlich subventioniert. Bei gleichem Bruttobeitrag wie zum Beispiel bei einer Bürokauffrau zahlte ein Ingenieur dann einen geringeren Zahlbeitrag.

Zum 01.01.2018 war dann Schluss mit dem Zuschuss und die zu zahlenden Beiträge sind bei der WWK deutlich nach oben geschossen.

 

Diese Punkte sind lediglich Indizien. Wenn ein oder mehrere dieser Kriterien nicht erfüllt sind, bedeutet das nicht automatisch, dass eine Beitragserhöhung ansteht. Andersherum sind Versicherungen über die nächsten 30 – 40 Jahre auch nicht vor solchen geschützt, die heute keinerlei Auffälligkeiten zeigen.

 

Wie entscheidend ist die Höhe der Differenz zwischen Brutto- und Nettobeitrag bei der BU?

Die oft getroffene Aussage, auf einen möglichst geringen Spread zwischen den beiden Beiträgen zu achten, weil eine höhere Differenz auch ein höheres Risiko für eine Erhöhung darstellt, ist eher falsch.

Richtig ist natürlich, dass ein Tarifbeitrag von 100,- Euro teurer werden kann, als wenn der Bruttobeitrag bei 75,- Euro liegt. Aber die Differenz sagt nichts über die Wahrscheinlichkeit einer Erhöhung der Berufsunfähigkeitsversicherung aus. Hier sind die Indizien, über die wir oben gesprochen haben, wichtiger zu beachten.

 

Alternativen für den Versicherer zur Beitragserhöhung

Eine Erhöhung des zu zahlenden Beitrags birgt für die Versicherung auch ein großes Risiko. In diesem Fall droht eine sogenannte Antiselektion.

Mit anderen Worten: Junge und gesunde Kunden kündigen ihre Berufsunfähigkeitsversicherung und schließen diese bei einem vermeintlich jetzt günstigeren Anbieter neu ab. Alle die, die nicht mehr wechseln können, bleiben. Diese stellen allerdings statistisch gesehen ein größeres Risiko dar, berufsunfähig zu werden.

 

Welche Möglichkeiten hat eine Versicherung also, wenn die Notwendigkeit für eine Anpassung der Überschüsse besteht, sie aber möglichst attraktiv für viele bestehenden Kunden bleiben möchte?

 

Senkung der Überschüsse im Leistungsfall

Wenn Sie berufsunfähig sind und Ihrer Leistung bekommen, müssen Sie keine Beiträge mehr zahlen. Das nennt man auch eine Beitragsbefreiung im Leistungsfall. Da Sie weiterhin Teil der Versichertengemeinschaft sind, muss die Versicherung Sie dennoch weiterhin an den Gewinnen beteiligen. Weil das jetzt nicht mehr über die Reduzierung des Beitrags geht, erhalten Sie eine jährliche Erhöhung Ihrer Berufsunfähigkeitsrente.

 

Besteht jetzt Bedarf an der Senkung der Überschussbeteiligung, liegt es nahe, dass zuerst die Erhöhung der BU-Leistung gekürzt wird, bevor man riskiert, dass die Beiträge erhöht werden.

Auch deswegen ist es empfehlenswert, dass Sie eine garantierte Rentensteigerung (Leistungsdynamik) von mindestens 1% in Ihren Vertrag einschließen. Zumindest dann, wenn Sie die maximal mögliche Rentenhöhe ausgeschöpft haben.

 

Ist der Bruttobeitrag “in Stein gemeißelt”?

Kommen wir doch einmal zurück auf die Frage, was Sie von einem (im Verhältnis) geringen Bruttobeitrag haben.

Ist beispielsweise das Modell “Zahlbeitrag = Tarifbeitrag” von der Canada Life eine gute Idee? Kann die Versicherung bei Bedarf den Tarifbeitrag anpassen oder ist dieser für die gesamte Vertragslaufzeit fest?

Erst einmal bietet der Bruttobeitrag die Grenze, bis zu der die Versicherung gehen kann. Wenn der Versicherer allerdings einen erhöhten Leistungsbedarf nachweisen kann, mit dem er trotz aller Vorsicht nicht rechnen konnte, dann besteht nach §163 des VVG die Möglichkeit, den Tarifbeitrag zu erhöhen.

 

Einige wenige BU-Tarife verzichten allerdings auf den Ausschluss. Zum Beispiel die eben angesprochene Canada Life und auch die Berufsunfähigkeitsversicherung der Swiss Life. Die Bayerische bietet den Verzicht zum Beispiel optional in ihrem Tarif “BU-Prestige” an.

Andere Berufsunfähigkeitsversicherungen wie die Condor und die Alte Leipziger haben seit einigen Jahren den Verzicht auf §163 VVG aus ihren Bedingungen wieder gestrichen.

 

Auf den ersten Blick scheint diese Möglichkeit sehr kundenfreundlich zu sein, aber was passiert, wenn die Versicherung in finanzielle Schwierigkeiten gerät. Vielleicht sogar, WEIL sie die Anpassung der Beitrag nicht vornehmen konnte?

Kommt es zum schlimmsten Szenario, dann greift die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen (kurz BaFin) ein. Damit diese Behörde handlungsfähig bleibt, kann sie auf den Paragrafen 314 im Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) zurückgreifen. Und damit besteht die Möglichkeit, alle vorherigen Regelungen aufzuheben, wenn es zum Schutz der Versichertengemeinschaft wichtig ist.

Ganz sicher ist der Tarifbeitrag also in keinem Fall, es muss jedoch eine Menge passieren, damit dieser dann angehoben wird.

 

Sollten Sie bei der Auswahl der passenden Berufsunfähigkeits- oder Grundfähigkeitsversicherung auf den Tarifbeitrag gucken?

Natürlich spielt der Beitrag bei der Auswahl der passenden BU eine Rolle. Sie müssen in der Lage sein, die Absicherung zahlen zu können und zu wollen.

Meinen Kundinnen und Kunden rate ich dabei, die folgende Reihenfolge bei der Auswahl zu beachten:

  1. Prüfen, welche Versicherungstarife die BU-Profi MUST HAVES zu 100% erfüllen.
  2. Wählen Sie unter diesen Tarifen diejenigen aus, die speziell für Sie geeignet sind. Zum Beispiel aufgrund einer sehr guten Regelung während der   des Studiums  oder der  .Ein weiterer Grund kann eine Dienstunfähigkeitsklausel für unter anderem Verwaltungsbeamte und Lehrer sein.
    Ärzte, Medizinstudenten und Krankenschwestern sowie alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, können Bedarf an einer Infektionsklausel haben.Und auch Selbstständige bringen besondere Anforderungen mit. Hier spielt unter anderem eine gute Umorganisationsklausel eine wichtige Rolle.
  3. Im dritten Schritt sollten die “Wunsch Versicherer” mit einer Risikovoranfrage befragt werden, zu welchen Konditionen sie Ihnen Versicherungsschutz anbieten. Werden Ausschlussklauseln notwendig und wenn ja, wie sind diese formuliert?

 

Erst wenn Sie diese drei Schritte durchgemacht haben und mehrere BU-Anbieter eine Annahme ohne Einschränkungen anbieten oder vertretbar gut formulierte Ausschlussklauseln verlangen (müssen), lohnt es sich auf den Preis zu gucken.

Dabei stellt sich zusätzlich die Frage, ob es sinnvoll ist, die gewünschte BU-Rente auf zwei Versicherungen zu verteilen. Wenn Sie dann auf den Beitrag gucken, empfehle ich zuerst den zu zahlenden Beitrag zu beachten und dabei gleichzeitig den Tarifbeitrag nicht aus den Augen zu verlieren.
Über die nächsten 3-4 Jahrzehnte sollte dennoch immer die Leistung der Berufsunfähigkeitsversicherung im Vordergrund stehen.

Schließlich schließen Sie eine Versicherung nicht ab, um Geld zu sparen, sondern um abgesichert zu sein, wenn durch eine Krankheit oder einen Unfall Ihre Existenz auf dem Spiel steht.

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In der Kapitalanlage bzw. bei privaten Rentenversicherungen gibt es nachhaltige Lösungen schon seit vielen Jahren. So zum Beispiel die GrüneRente von der Stuttgarter Lebensversicherung oder (eines meiner persönlichen Highlights am Markt) Pangaea Life von Die Bayerische.

Berufsunfähigkeitsversicherung der LVM – empfehlenswert, oder nicht?

“Um die Berufsunfähigkeitsversicherung kümmert sich mein LVM Vertrauensmann”, so heißt es in einem Video auf der Seite der LVM Versicherung.

Und in der Tat geht die Versicherung aus Münster dabei einen vergleichbaren Weg, wie zum Beispiel die Debeka oder die Generali / DVAG, die ihre Berufsunfähigkeitsversicherung (wie alle anderen Produkte) ausschließlich über die eigenen Vertreterinnen und Vertreter vertreiben.