Für das Jahr 2019 kündigte die Condor Lebensversicherung eine Revolution in der Berufsunfähigkeitsversicherung an: die Teilzeitklausel.

Teilzeitklausel Berufsunfähigkeitsversicherung

Mit viel Marketing wollte sich die, zur R+V gehörende Versicherung, damit am BU-Markt zurückmelden.

Sogar ein Rechtsgutachten wurde zu diesem Zweck in Auftrag gegeben.

Seitdem bieten Stand heute neben der Condor noch die Württembergische, die LV1871, der Volkswohl Bund und die Bayerische eine Regelung für Berufstätige in Teilzeit an. Wie sinnvoll diese Klausel generell ist, wer aus meiner Sicht die beste Regelung am Markt hat und warum dieses Thema für mich zu jeder Beratung dazugehört, lesen Sie im folgenden Artikel.

Sollen wir Ihnen das Thema näher erklären?

Falls Sie spezielle Fragen  haben, die in diesem Text nicht beantwotet werden können, zögern Sie nicht uns zu kontaktieren!

Werden Teilzeitbeschäftigte in der Berufsunfähigkeitsversicherung benachteiligt?

Als die Condor im Jahr 2019 die erste Teilzeitklausel auf den Markt gebracht hat, gab sie ein Rechtsgutachten in Auftrag. Dieses sagte aus, dass eine Berufsunfähigkeitsversicherung ohne eine entsprechende Regelung für Teilzeitangestellte kaum Versicherungsschutz bieten würde. Es wird sogar davon gesprochen, dass die Leistung schlechter sei als die Erwerbsminderungsrente der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV).

Von den Aussagen dieses Gutachten nehme ich persönlich Abstand, da aus meiner Sicht zu viele fachliche Fehler enthalten sind. Das ist aber meine persönliche Meinung.

Wie sieht es denn tatsächlich mit dem BU-Schutz bei einem Angestellten auf Teilzeit aus?

Zuerst stellen wir uns die Frage warum jemand seine Tätigkeit nicht in Vollzeit ausübt.

Da gibt es für mich drei logische Gründe:

  1. Sie haben Kinder und brauchen Zeit für die Kindererziehung und den Haushalt. Neben Ihrem Beruf „arbeiten“ Sie also als Hausfrau bzw. Hausmann.
  2. Ein Angehöriger von Ihnen muss gepflegt werden. Sie entscheiden sich für eine häusliche Pflege und „arbeiten“ als Pflegekraft
  3. Sie möchten nicht so viel arbeiten und verbringen die freigewordene Zeit mit Freizeitgestaltung.

Mit Ausnahme von Grund Nummer Drei arbeiten Sie neben Ihrem Hauptberuf, denn Pflege oder Haushalt und Kinder ist anstrengend.

Ob Sie berufsunfähig sind wird entweder qualitativ oder quantitativ bewertet.

Qualitative und Quantitative Berufsunfähigkeit

Bei der qualitativen Bewertung gucken wir uns Ihre Kerntätigkeiten an. Müssen Sie zum Beispiel als Unternehmensberater oder Ingenieur regelmäßig mit dem Flugzeug reisen und können diese Reisen nicht sinnvoll mit anderen Verkehrsmitteln durchführen, dann ist die Flugreise eine Kerntätigkeit. Wenn Sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fliegen dürfen, dann sind Sie berufsunfähig. Der zeitliche Umfang ist dabei egal.

Bei der quantitativen Betrachtung geht es hingegen um die tatsächliche Arbeitszeit. Wenn Sie wegen einer Krankheit oder einem Unfall weniger als 50% Ihrer vorherigen Arbeitszeit arbeiten können, dann sind Sie berufsunfähig. Auf einen Arbeitstag mit 8 Stunden bedeutet das also, dass Sie bereits berufsunfähig sind, wenn Sie pro Tag zum Beispiel maximal noch drei Stunden arbeiten können.

Wenn Sie jetzt aber eine Teilzeittätigkeit ausüben, dann kann es in beiden Bewertungen schwerer werden eine Berufsunfähigkeit zu erreichen. Einmal, weil eine Reduzierung Ihrer Arbeitszeit wahrscheinlich auch dazu führt, dass Sie keine längeren Geschäftsreisen mehr durchführen werden. Auf der anderen Seite führt bei einem 4-Stunden-Tag ein Restleistungsvermögen von drei Stunden pro Tag noch zu keinen 50% Berufsunfähigkeit wie dies bei einem 8-Stunden-Tag der Fall wäre.

Die übrigen Tätigkeiten als Hausfrau bzw. Hausmann oder die der Pflege von Angehörigen findet bei keiner dieser Bewertungen eine Berücksichtigung.

Auch wenn ich das eben erwähnte Gutachten für inhaltlich fragwürdig halte, ist die Aussage im Kern richtig: Teilzeitangestellte können bei der Prüfung einer Berufsunfähigkeitsrente benachteiligt sein.

Was ändert sich durch die Teilzeitklausel?

Die eine Teilzeitklausel gibt es gar nicht. Die Klauseln der Condor und der Württembergischen sind sich inhaltlich sehr ähnlich und unterscheiden sich damit ganz deutlich von der LV1871 und der Bayerischen. Letztere sind sich wiederum, bis auf einen ganz entscheidenden Punkt, inhaltlich gleich. Die Teilzeitregelung des Volkswohl Bund ist aus meiner Sicht nicht als solche zu bezeichnen und fällt damit aus der Bewertung raus. Warum erkläre ich gleich im Detail.

Leistungserweiterung Condor und Württembergische

Bei diesen beiden Versicherungen wird die letzte vertragliche garantierte Arbeitszeit seit Beginn der Berufsunfähigkeitsversicherung konserviert. Wenn Sie als Angestellter Produktmanager von einer wöchentlichen Arbeitszeit von 50 Stunden auf eine mit 25 Stunden wechseln, dann würde bei der quantitativen Bewertung immer noch die Woche mit 50 Stunden bewertet. Bei einem restlichen Leistungsvermögen pro Woche von 20 Stunden würden Sie also auch dann Ihre 50% erreichen.

Leistungsversprechen von Die Bayerische und LV1871

Im Vergleich zur den eben genannten Versicherungen gehen die beiden Münchener Versicherungsvereine einen anderen Weg. Sofern Sie Ihre regelmäßige Arbeitszeit auf weniger als 30 Stunden in der Woche reduzieren und gleichzeitig einer Tätigkeit als Hausfrau bzw. Hausmann ausüben oder einen Angehörigen in dieser Zeit pflegen, wird diese zusätzliche Tätigkeit bei der Bewertung der Berufsunfähigkeit berücksichtigt. In der Praxis kann so aus einer 30 stündigen Arbeitswoche eine 80-Stunden-Woche werden. Neben Angestellten schließen diese beiden Versicherer auch Selbstständige und Freiberufler mit ein.

Welche Regelung zur Teilzeitklausel ist besser?

Wer ausschließlich zu seinem Freizeitvergnügen von Voll- auf Teilzeit wechselt, der ist mit der Klausel von Condor und Württembergischer wahrscheinlich besser bedient. Hierbei spielt es nämlich keine Rolle, warum ich meine Arbeitszeit reduziert habe. Es geht ausschließlich darum, dass ich vorher eine höhere vereinbarte Arbeitszeit gehabt habe und diese jetzt geringer ist.

In allen Fällen, in denen Sie neben Ihrer beruflichen Tätigkeit den Haushalt leiten und die Kinder betreuen oder die Pflege eines Angehörigen übernehmen, sind Sie mit der Regelung der LV1871 und der Bayerischen deutlich besser bedient. Hierbei werden nämlich die konkreten Tätigkeiten im Haushalt oder in der Pflege genauso bewertet wie in Ihren Teilzeitberuf.

Welche Teilzeitklausel ist die Beste?

Da alle Klauseln recht unterschiedlich sind ist es schwer eine zur „Nummer 1“ zu krönen. Wir gucken uns die unterschiedlichen Teilzeitregelungen aber hier einmal im Detail an.

Volkswohl Bund Lebensversicherung a.G.

Teilzeitklausel Volkswohl Bund 06.2020

Teilzeitklausel Volkswohl Bund 06.2020

Wie Sie gleich sehen werden unterscheidet sich die Regelung für Teilzeittätige des Volkswohl Bund gar nicht so stark von der Condor. Allerdings nur auf den ersten Blick.
Auch beim Volkswohl Bund gilt diese Klausel nur für Arbeitnehmer. Wie bei der Condor wird die längste erreichte Arbeitszeit vor dem Wechsel in eine Teilzeittätigkeit bei der Prüfung herangezogen.
Leider gilt diese Regelung nur in drei Fällen: bei Elternzeit innerhalb von 36 Monaten, bei Pflege eines Angehörigen in den ersten 24 Monaten oder bei Kurzarbeit für die ersten 12 Monate.
Damit ist der Effekt von „ich möchte weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben“ hier vom Tisch. Auch die kurzen Intervalle von 36, 24 oder 12 Monate sind sehr praxisfremd.
Viel entscheidender ist aber ein anderer wichtiger Aspekt: diese Klausel wäre bei der Elternzeit und bei Kurzarbeit überhaupt nicht notwendig und fällt somit unter „Marketing-Gag“.
In beiden Fällen (Kurzarbeit und Elternzeit) handelt es sich nämlich um einen befristeten Zeitraum, der keinerlei Auswirkungen auf Ihr Arbeitsverhältnis hat. Im Falle der Elternzeit treffen Sie auch erst nach Ablauf dieses Zeitraums die Entscheidung, ob Sie dieselben Stunden wie vor der Geburt leisten oder auf Teilzeit umstellen wollen. Ohnehin werden die meisten Mutter und Väter wohl allein aufgrund des Elterngeldes in den ersten 12 oder 24 Monaten sehr dosiert Geld verdienen wollen.
Damit sehe ich in der Teilzeitklausel vom Volkswohl Bund keinen Mehrwert.

Condor Lebensversicherung AG

Teilzeitklausel Condor 01.2020

Teilzeitklausel Condor 01.2020

 

Bei der Condor Lebensversicherung liest sich die Regelung für die Teilzeittätigkeit ähnlich wie die des Volkswohl Bund. Hierbei ist es für den Versicherungsschutz allerdings egal warum und wie lange Sie Ihren Beruf von Voll- auf Teilzeit umstellen. Wenn Sie den Vertrag als Student abschließen und nach Ihrem Abschluss weniger als 40 Stunden in der Woche arbeiten, kann die BU-Versicherung der Condor für Sie von Vorteil sein.

Württembergische Lebensversicherung AG

Teilzeitklausel Württembergische 2019

Teilzeitklausel Württembergische 2019

Die Württembergische hat eine sehr ähnliche Regelung wie die Condor. Die wesentlichen Unterschiede sind aber zum einen die Beschränkung auf 12 Monate nach dem Wechsel von Voll- auf Teilzeit und dass es hierbei egal ist wie viele Stunden beim Abschluss bzw. beim Beginn der Versicherung ausgeübt wurden. Damit diese Klausel einen Mehrwert bietet müsste die Berufsunfähigkeit aber innerhalb von einem Kalenderjahr eintreten.

Lebensversicherung von 1871 a.G. (LV1871)

Teilzeitklausel LV1871 10.2020

Teilzeitklausel LV1871 10.2020

Die LV1871 geht einen ganz anderen Weg. Als erste Versicherungsgesellschaft führen die Münchener eine Teilzeitklausel ein, die sich speziell an den Bedürfnissen von Hausfrauen bzw. Hausmännern und pflegende Angehörige orientiert.

Das Besondere an dieser Regelung ist, dass neben dem Hauptjob, der in Teilzeit ausgeübt wird, auch die konkreten Tätigkeiten im Haushalt oder der häuslichen Pflege versichert sind. Damit ist diese Klausel wesentlich realitätsnäher als die bisher genannten. Aus meiner Sicht eine klare Besserstellung für jeden Kunden und somit eine wichtige Ergänzung für alle, die nicht ausschließen können für eine Zeit im Haushalt zu arbeiten oder einen Angehörigen pflegen zu müssen. Für die Hausfrauen und Hausmänner in Spe gilt hierbei aber zu beachten, dass es konkret um die Versorgung von Kindern geht. Das „Rücken freihalten“ des Ehepartners fällt damit raus. Auch könnte man darüber streiten bis zu welchem Alter die Kinder „versorgt“ werden müssen.

Die Bayerische Lebensversicherung AG

Teilzeitklausel Die Bayerische 10.2020

Teilzeitklausel Die Bayerische 10.2020

Die Bayerische folgt der LV1871 in ihren aktuellen Bedingungen fast wortgleich. Auch hierbei handelt es sich um eine sehr sinnvolle Ergänzung für Teilzeitbeschäftigte und sollte daher immer mitberücksichtigt werden.

Im Vergleich zur Klausel der LV1871 wird bei der Bayerischen die Tätigkeit als Hausfrau bzw. Hausmann berücksichtigt. Ich kenne durchaus Mütter und Väter, die auch dann noch den Haushalt führen, wenn die Kinder schon längst im Studium sind.

Worauf Sie beim Abschluss Ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung achten sollten

Wenn Sie es für Ihre Zukunft nicht ausschließen können einmal als Hausfrau oder Hausmann zu arbeiten oder einen Angehörigen zu pflegen und deswegen in Ihrem Beruf auf Teilzeittätigkeit umzustellen, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie auch die Angebote mit einer entsprechenden Teilzeitregelung mit einbeziehen.

Aktuell gibt es am Markt noch eine relativ geringe Auswahl an guten Teilzeitklauseln. Aus meiner Sicht schneiden die Bayerische und die LV1871 am besten ab.

Wenn Sie sich nicht alleine durch den Dschungel der Berufsunfähigkeitsversicherungen schlagen möchten und auch in Zukunft den besten Überblick über alle Tarife haben möchten, dann tragen Sie einfach HIER einen Kennenlerntermin ein.

 

8 Kommentare

  1. Michael Ratzmann, LL.M.

    Interessant wird die Diskussion mit dem VR erst dann, wenn sich eine Selbstständige in „VZ“ nach der Geburt ihres Kindes während der EZ die Selbständigkeit aufgibt, sich danach bei einem Discounter in TZ (20 h) anstellen lässt und BU wird. Was dann, liebe VR?

    Uns wie ist zu handeln, wenn ein Key Account Manager mit einer 60 h-Woche seine Tätigkeit aufgibt, und dann nur noch eine Tätigkeit als Vertriebsassistent mit 30 h in TZ ausübt? Wie wäre es dann bei der Condor, wenn er dann BU werden würde?

    Meines Erachtens sind alle am Markt vorhandenen TZ-Klauseln nicht zu Ende gedacht.

    Eine Prämienreduktion für TZ-Kräfte wäre als Vertriebsansatz sinnvoller gewesen.

    Aber warum Beitrag als VR verschenken, wenn in aller Regel mit wenigen Ausnahmen der Unterschied von TZ und VZ im Leistungsfall keine Rolle spielt.

    Antworten
    • GuidoLehberg

      Vielen Dank für Ihren fundierten Kommentar.
      Wir müssen hier ja zwischen den Klauseln am Markt unterscheiden. Bei der Condor würde ja beispielsweise der Selbstständige gar nicht berücksichtigt. Bei Bayerischer oder LV1871 ist es in dem ersten Beispiel recht klar:
      Die Arbeitszeit ist unter 30 Stunden, damit gilt die Klausel. Damit ist die dann konkret ausgeübte Tätigkeit beim Discounter versichert. Sollte eine Krankheit, ein Unfall oder Kräfteverfall zu entsprechenden Einschränkungen führen, die aber nicht für eine bedingungsgemäße Berufsunfähigkeit im Sinne der 50% reichen, werden bei der Prüfung auch die Tätigkeiten als Hausfrau / Hausmann (Bayerische) bzw. Kinderversorgung (LV1871) bzw. die Pflege eines Angehörigen ebenfalls berücksichtigt.

      Im zweiten Beispiel wäre dann die konkrete Tätigkeit des Vertriebsassistenten versichert, hochgerechnet auf 60 Stunden in der Woche.
      Wobei hier die Frage zu stellen ist warum der Wechsel auf Teilzeit und der Tätigkeit erfolgt. Kann derjenige davon seinen Lebensstandard halten? Was ist die Motivation?

      Den letzten Satz kann ich aber unterschreiben: tatsächlich ist der Unterschied in der Leistug zwischen Voll- und Teilzeit nicht so groß wie er gerne von einigen Versicherern gemacht wird.

      Antworten
    • Torsten Breitag

      Herr Ratzmann, der Lesefluss bzgl. Ihres Kommentars ist vorsichtig formuliert nicht optimal. Reden wir im ersten Absatz über ELTERNZEIT (EZ) oder über die Kindererziehungszeit? Sie meinen wohl Letzteres. Denn als Jurist und Versicherungsberater ist Ihnen ja vermutlich bekannt, dass zumindest innerhalb des konstruierten Beispiels Elternzeit gar kein neuer Prüfberuf entsteht. (prägende Lebensstellung)

      Ob eine nahtlos an die Elternzeit angeknüpfte neue Tätigkeit (also wiederum in den 3 Jahren Kindererziehungszeit GRV) tatsächlich neuer Prüfberuf ist, hat die Gerichte schon beschäftigt, als niemand den Begriff Teilzeitklausel kannte.

      Das zweite Beispiel ist korrekt. Bei mehr als 6 Monaten im neuen Beruf ist unter der Voraussetzung Dauerhaftigkeit gem. Rechtsprechung der neue Beruf der Prüfberuf. BU ist nun mal eine Statusabsicherung, immer der zuletzt ausgeübte Beruf. Mit Potential nach unten und nach oben. Der Vertriebsassistent hat sowohl die schlechtere Lebensstellung, als auch vermutlich schwerer zu identifizierende prägende Tätigkeiten etc.. Sprich Kernfähigkeiten und Kerntätigkeiten.

      Gleichwohl ist die BU keine Karriereversicherung, ein „was wäre ohne Kinder“ kann nicht berücksichtigt werden.

      Der reine Zeitansatz der Condor geht auf diese Probleme nicht ein und wird ja auch daher von Hr. Lehberg und bspw. auch mir in der Praxis kritisiert. Generell spielt Zeit im BU Leistungsnachweis üblicherweise keine, bzw. eine untergeordnete Rolle.

      Das Prüfschema beginnt nun mal mit prägenden / dominierenden Tätigkeiten und endet beim Restleistungsvermögen. Und für die Beurteilung des Restleistungsvermögens ist Zeit irrelevant bis absolut nachrrangig.

      Siehe bspw. chronisches Schmerzleiden in bspw. Ziffer 34, OLG Koblenz 10 U 1367/07:

      „Die Feststellung des Grades der Berufsunfähigkeit ist – entgegen der Auffassung des Beklagten – nicht lediglich eine Rechenoperation nach der Regel: übliche Arbeitszeit 40 Stunden = 100%, noch mögliche Arbeitszeit 15 Stunden = 37,5%, also Berufsunfähigkeit 62,5 %. Sie erfordert vielmehr eine wertende Betrachtung der gesamten mit der Berufsausübung verbundenen Tätigkeiten. Dabei kommt es darauf an, ob ein Versicherter einzelne Verrichtungen, Teile seiner bisherigen Tätigkeit nicht mehr wahrnehmen kann, von deren Erfüllung abhängt, ob er noch ein sinnvolles Arbeitsergebnis zu erzielen vermag, oder die seine berufliche Tätigkeit im Übrigen prägen, die ihm aber nunmehr verschlossen sind. Maßgeblich ist folglich die Wertung, ob die restliche Tätigkeit, die ein Versicherter noch ausüben kann, seinem „Beruf“ gleichzusetzen ist, ob er seine Arbeit mit den sie prägenden Merkmalen noch in dem erforderlichen Ausmaß (in der Regel mehr als 50%) wahrnehmen kann. Sind die Verrichtungen, die den Kernbereich der Tätigkeit ausmachen, nicht mehr möglich, bleiben regelmäßig nur weniger bedeutsame, nicht ins Gewicht fallende, regelmäßig eher Verlegenheitsbeschäftigungen ausmachende Arbeitsleistungen (Rixecker in Beckmann/Matusche-Beckmann, Versicherungsrechtshandbuch, 1. Aufl. § 46 Rd. 100/101). Weiterhin ist zu berücksichtigen, ob dem Versicherten in der von ihm noch zu leistenden Arbeitszeit die Erzielung eines sinnvollen Arbeitsergebnisses möglich ist. Wenn zwar über einen Arbeitstag verteilt insgesamt noch mehrere Stunden Arbeit möglich sind, diese jedoch nicht an einem Stück geleistet werden kann, sondern über den Tag verteilt kurze Arbeitsphasen nur im Wechsel mit längeren Pausen möglich sind, ist auch diese gesundheitsbedingte Erschwernis bei der Bewertung des Maßes der Berufsunfähigkeit mit zu berücksichtigen.“

      Die Günsterprüfung der von Hr. Lehberg genannten Lösungen LV1871 und Bayerische haben mit dem Problem jedoch jeweils überhaupt nichts zu tun.

      Prämienreduktion im Sinne herabgesetzter Leistung ist wiederum brandgefährlich. Der Absicherungsbedarf ändert sich nicht dadurch, dass temporär bspw. iS Elternzeit / Kindererziehungszeit eine Veränderung im Einkommen vorliegt.

      Anders formuliert:

      Herabsetzung der Leistung / BU-Rente mit entsprechender Prämienreduzierung ist grundsätzlich möglich und kann mit jedem Versicherer abgesprochen werden. Ob es sinnvoll ist, steht auf einem völlig anderen Blatt.

      Antworten
  2. Michael Ratzmann, LL.M.

    Tatsächlich handelt es sich bei meinem Beispiel von dem Vertriebsassistenten um ein „Echtbeispiel“ aus der Praxis. Der Ehemann trat karrieretechnisch zurück, um seine Ehefrau beruflich zu fördern, aber auch gleichzeitig um die Kinderbeziehung zu großen Teilen zu übernehmen. Es hätte überhaupt keinen Sinn gemacht, im Falle der hier eingetreten Berufsunfähigkeit eine Tätigkeit als Hausmann mit einzubeziehen. Wahrscheinlich hätte der Versicherer aufgrund der Erkrankung des Ehemannes unter Einbeziehung der „Hausmannstätigkeit“ kein unbefristetes Anerkenntnis votiert. Eine Erhöhung der „täglichen Gesamtarbeitszeit“ und die nicht wesentlichen Einschränkungen als Hausmann hätten durchaus zu einer Berufsunfähigkeit von deutlich unter 50 % führen können.

    Antworten
    • GuidoLehberg

      @Herrn Ratzmann, wir sind uns glaube ich dahingehend einig, dass die Regelung der Condor in den meisten Fällen keinen echten Mehrwert hat. Ob sie „schädlich“ für den Leistungsfall sein kann wird / muss sich zeigen. Letzten Endes darf ein Versicherer das Kernleistungsversprechen der BU-Versicherung nicht aushöhlen und würde bei dem Versuch wohl vor Gericht scheitern. Nichtsdestotrotz ist jeder unnötige Prozess natürlich eine erhebliche Belastung für den Kunden und daher zu vermeiden. Da bin ich 100% bei Ihnen.

      Zu den Klauseln der LV1871 und der Bayerischen kann ich dieses Problem nicht sehen. Sie schrieben ja selbst, dass es in den meisten Fällen keinen Unterschied zwischen einer Teilzeit- und einer Vollzeitbeschäftigung gibt. Ergo geht es hier selten um den Aspekt „Zeit“, sondern viel mehr um Aspekt der „Qualität“, ,sprich Kern- / Haupttätigkeit. Und sind diese beim Vertriebsassistenten nicht mehr möglich, ist die übrige Tätigkeit als Hausmann / Hausfrau obsolet.

      Ich kenne selbst Beipiele, die mit der Pflege Angehöriger in ihrer „Freizeit“ deutlich überfordert waren. Hier hätte eine Teilzeitklausel im Sinne der LV1871 oder Bayerischen einen großen Unterschied in der Leistung gemacht.

      Am Ende des Tages wird diese Klausel aber, und da bin ich wieder bei Ihnen, deutlich weniger wichtig als die sorgfältige Aufbereitung der Gesundheits- und Risikosituation.

      Antworten
  3. Michael Ratzmann, LL.M.

    @Herr Breitag
    Ich war vor zwölf Jahren, und da war ich schon selbstständig, in gesetzlicher Elternzeit (EZ). Daher meinte ich zweifelsfrei ersteres. Mit diesem fiktiven Beispiel wollte ich nur zeigen, dass die Teilzeitklausel der Condor nicht anwendbar ist und ins Leere geht.

    @Herr Lehberg.
    Ihre Ansicht: „Am Ende des Tages wird diese Klausel aber, und da bin ich wieder bei Ihnen, deutlich weniger wichtig als die sorgfältige Aufbereitung der Gesundheits- und Risikosituation.“ ist zu 100% richtig. Konsequent weitergedacht bedeutet das, dass gute Bedingungswerke zwar wichtig, aber nicht das non plus ultra in der Leistungsprüfung sind. Sonst würden Antragsteller mit Bedingungswerken aus den neunziger Jahren („langer Prognosezeitraum“) und ohne diesen neumodischen Bedingungs-Schnickschnack kaum Leistung erhalten. Dies ist aber nicht der Fall.

    Antworten
  4. Stefan Wittmann

    Der Ansatz der Anbieter ist nun, die durch eine Reduzierung der Arbeitszeit im Hauptjob „frei“ gewordene Zeit zu benennen und zu definieren. Aktuell sind dies Hausfrauen/-Männer Arbeiten und Pflege von Angehörigen. Es wird dann wohl darzulegen sein, wieviel von dieser „freien“ Zeit ich wirklich im Haushalt gearbeitet habe oder vielleicht doch Musik gehört oder gelesen oder Sport getrieben habe.

    Wenn nunmehr bei Menschen, die weniger als 30 Stunden in ihrem Hauptjob arbeiten, abschließend aufgezählt Hausarbeiten und Pflege berücksichtigt werden, heißt dies dann, das alle Zweitjobs wie Fitnesskurse geben, abends in der Kneipe kellnern, abends Volkshochschulkurse geben bei der Prüfung künftig unberücksichtigt bleiben?

    Antworten
    • Michael Ratzmann, LL.M.

      @Herr Wittmann
      TZ und dann noch ein 450-EUR-Job ist wahrlich kein Massenphänomen. Aber es kommt „wie immer auf den Einzelfall an“ (blödes Juristendeutsch .-) ) – ob es hilfreich ist, den Zweitberuf mit in den Ring zu werfen.
      Zudem gilt: Sofern nach Antragstellung auf Versicherungsschutz noch keine 10 Jahre ins Land gegangen ist, bei Antragstellung aber bereits Fitness- / VHs-Kurse gegeben wurde oder gar gekellnert wurde – so hoffe ich inständig, dass dies im Rahmen der BG-Einstufung während des Vermittlungsprozesses durch den VM und schlussendlich auch durch den VR Berücksichtigung fand. Ansonsten droht hier Teufels Küche im Leistungsfall – oder man sollte doch vielleicht das Kellnern dann „einfach nur vergessen“ …

      Antworten

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